Hier stelle ich euch in loser Folge ein Buch (natürlich ein Pferdebuch) vor, das mir besonders gut gefallen hat. Mitterweile gibt es ja eine richtige "Pferdebücherschwemme" und bei diesem fast unüberschaubaren Angebot ist es schwierig die Spreu vom Weizen zu trennen. Vielleicht kann euch ja mein Buchtip eine Anregung geben und euer Interesse wecken.

Mark Rashid

"denn Pferde lügen nicht"

Neue Wege zu einer vertrauten
Mensch-Pferd-Beziehung

KOSMOS-Verlag

ISBN 3-440-09357-3

Seit Monty Roberts gibt es ja einige sogenannte "Pferdeflüsterer" und solche die sich dafür halten. Für meinen Geschmack haben schon zu viele "Spezialisten" ihren geistigen Schrott zu diesem Thema abgelassen. Diesen Begriff gab es schon weit vor Monty Roberts Zeit und so mancher tut sich schwer, Monty Roberts als Pferdeflüsterer zu sehen. So möchte ich nun dieses Wort nicht überstrapazieren und das Buch von Mark Rashid auch nicht in diese Schublade legen, denn es ist viel mehr. Es ist keine dieser unzähligen Reitlehren, keine Bedienungsanleitung für Pferde und auch keine Lektüre für "Dr. Oetkers-Fans" (...man nehme.....) . Denn Rashid setzt viel tiefer an, und fördert unser Verständnis für Pferde, versucht sich als Vermittler zwischen zwei Welten. Und jedem der sich die Mühe macht, sich hier reinzudenken, erschließt sich eine Welt (nämlich die der Pferde), die er fortab mit anderen Augen sehen wird und sich später wundert, wie einfach eigentlich alles sein kann im Umgang mit Pferden.
Dabei läßt sich dieses Buch auch noch sehr gut zu lesen, ganz locker erzählt Rashid von seinen Erfahrungen im Umgang mit Pferden. Zwischendurch hat man viele "aha"-Erlebnisse; Situationen, die der aufmerksame Pferdefreund schon so oder so ähnlich selbst erlebt hat. Und mit jeder Seite rundet sich das Bild und man wird vieles plötzlich ganz anders sehen und möglicherweise künftig die Dinge ganz anders angehen. Hier nun drei Leseproben:
" ..... Wie ich schon sagte, haben viele Menschen gelernt, immer nur auf die Fehler ihres Pferdes zu achten, und tun sich deshalb sehr schwer, die guten Seiten ihres Pferdes zu finden. Das Problem bei dieser Haltung den Pferden gegenüber ist, dass selbst wenn unser Pferd sein Bestes tut und sich bemüht, alles richtig zu machen, wir es vielleicht nie erkennen. Weil wir ständig auf das große Ereignis warten (den einwandfreien fliegenden Wechsel, den fliegenden Übergang, den Sliding Stop), übersehen wir oft den wichtigsten Teil, den Versuch, der uns sagt, dass unser Pferd anfängt zu verstehen, was wir wollen. Pferde sind so sensible Tiere, dass schon ein Zucken mit dem Ohr, das Nachgeben mit dem Unterkiefer, das Zucken eines Muskels für sie etwas bedeuten. Sehr oft sind diese einfachen kleinen Dinge gerade die Basis für die großen, auf die wir warten, aber weil wir genau an ihnen vorbeisehen, merken wir nicht einmal, dass sie da sind. Die Folge ist, dass unsere Pferde oft von uns frustriert sind, dass wir von unseren Pferden frustriert sind und das gegenseitige Vertrauen Schaden nimmt.
Mir scheint, wenn wir auf diese kleinen Versuche achten, sie bemerken und anerkennen, öffnen wir eine ganz neue Tür zur Kommunikation, die schließlich dazu beitragen wird, dass unsere Pferde uns als verantwortungsbewusste, faire und zuverlässige Führer betrachten.
Vermutlich ist das überhaupt alles, was sie von uns verlangen würden, wenn sie es sagen könnten. "

Obwohl Rashid's Erfahrungen von Westernpferden stammen, richtet sich das Buch an alle Pferdefreunde, egal aus welchem Lager sie kommen (Dressur, Springen, Western, Freizeitreiter) und egal welche Ambitionen sie haben. Denn ihre Urtriebe und -instikte stammen von den gleichen Urvätern seit Millionen von Jahren.

Und weiter:

Mit dem Vertrauen ist das eine komische Sache. Wir alle möchten, dass man uns vertraut und sind oft sogar beleidigt, wenn jemand auch nur andeutet, er habe kein Vertrauen zu uns selbst wenn wir ihn gerade erst kennen gelernt haben. Andererseits finden wir es völlig in Ordnung, anderen nicht so ohne weiteres zu vertrauen. jawohl, bevor wir jemand vertrauen, muss derjenige erst beweisen, dass er unser Vertrauen auch verdient. Unser Vertrauen ist nicht ohne Vorleistung zu haben, so viel ist sicher.
Das hat mit unserer misstrauischen Natur zu tun. Die meisten Leute sind in dieser Hinsicht ein bisschen komisch. Nicht dass daran etwas schlecht wäre, ganz gewiss nicht. Ich vermute, es ist sogar das, was unserer Spezies zum Überleben und Gedeihen verholfen hat. Trotzdem ist es ein interessantes Dilemma für andere vertrauenswürdig sein, selbst aber nicht unbedingt vertrauen wollen.
Bringen wir nun ein Pferd in die Gleichung. Die meisten von uns streben mit ihrem Pferd eine Beziehung an, die auf Vertrauen gegründet ist. Theoretisch möchten wir unserem Pferd vertrauen und wir möchten, dass das Pferd uns vertraut. In Wirklichkeit besteht aber meistens eine Art Einbahn Verhältnis. Mit anderen Worten, wir vertrauen darauf, dass unser Pferd uns vertraut, aber wir vertrauen nicht unbedingt unserem Pferd.

und zu guter Letzt:

Mir scheint, wir verbeißen uns manchmal derartig darin, auf welche Art wir unseren Pferden etwas beibringen oder mit welchen "Trainingstechniken" wir irgendwelche Probleme mit ihnen lösen können, dass wir darüber das Wichtigste aus den Augen verlieren: das Pferd.
Ich glaube, wenn wir unseren Pferden eine Chance geben, uns mitzuteilen, was sie empfinden, und ihnen wirklich zuhören, was sie zu sagen haben, können wir die Tür zu einer ganz neuen Art der Kommunikation öffnen, einer, die vorher vielleicht gar nicht existierte. Wir geben uns selbst Gelegenheit, sämtliche Meinungen in Betracht zu ziehen auch die unserer Pferde. Das ermöglicht uns, eine wirklich kundige Entscheidung zu treffen, wie wir vorgehen sollen, und begrenzt die Fehler, die wir auf die Dauer möglicherweise begehen.

Im Grunde genommen spreche ich hier über Vertrauen. Vertrauen unsererseits, dass unsere Pferde das Richtige tun werden, und Vertrauen ihrerseits, dass wir das Richtige tun werden. Bevor unsere Pferde uns vertrauen können, müssen wir natürlich erst beweisen, dass wir faire Entscheidungen treffen können. Und wie könnte sich diese Fairness besser zeigen als in der Bereitschaft, dem Pferd von Zeit zu Zeit ein Mitspracherecht einzuräumen? Das heißt nicht, dass wir es dann immer auch so machen. Aber es könnte ja sein, dass das Pferd auch einmal Recht hat.
Vielleicht ist der beste Weg, für unsere Pferde zum vertrauenswürdigen Führer zu werden, der, keine Angst davor zu zeigen, ab und zu auch zu folgen. Es ist keine Sünde, sich von seinen Pferden sagen zu lassen, was nicht stimmt, und ihnen von Zeit zu Zeit auch einmal eine Entscheidung zu überlassen. War die Entscheidung gut, können wir damit weitermachen. War sie schlecht, können wir den Pferden zeigen, warum sie schlecht war und was wir dazu tun können, dass sie aus der Situation wieder herauskommen. Dadurch vermeiden wir nicht nur einen möglichen Kampf, sondern zeigen unseren Pferden auch, dass sie sich in so ziemlich jeder Situation auf unsere Fairness verlassen können.
Es genügt vielleicht schon, dem Pferd nur eine Chance zu geben, damit es anfängt, in Ihnen seinen Führer zu sehen, besonders dann, wenn es wirklich darauf ankommt. Es könnte sein, dass das den echten Führer überhaupt ausmacht.

Ich bin sicher, daß aus diesem Buch jeder neue Erkenntnisse gewinnen kann und den verständnisvollen Umgang mit Pferden fördern wird, ... den Pferden wär's jedenfalls zu wünschen !

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